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Sie wurde
als Sohn geboren.
Ihr Leben begann
mit ihrem ersten Atemzug.
Ein Schrei beklagte
den Verlust des Friedens.

Ihre Mutter voller Liebe
barg das kleine Kind
das erste und letzte Mal
ohne Reue und Vorwurf
in ihren Armen
während ihr Vater
sich von ihr abwandte.

Das unschuldige Mädchen
dessen einziger Fehler es war
in den falschen Körper
geboren worden zu sein
wuchs auf ohne Vater
aber mit Mutter,
und mit ihrem verbitterten Erzeuger.

Schon in ihren jungen Tagen
lernte sie Hass und Abscheu kennen
trotz allem liebte sie ihn
diesen Mann
wie nur Kinder es können
egal
was mit ihnen geschieht.

So ging es zu
in den ersten Jahren
dieses neuen Lebens
es waren meist freudlose Stunden
denn der Mann sah es nicht ein
etwas Ungewolltes zu unterhalten
Das Mädchen saß allein in ihrem Heim.

Dann begann das Lernen
Sie sah eine Möglichkeit
ihren Vater Stolz zu machen
und Freunde zu gewinnen
Voller Begeisterung
sog sie die Worte auf
und schrieb sie nieder.

Monate später, voller Stolz
lief sie nach Hause
in der Hand ein beschriebenes Papier
und einer Notiz am Rande
denn ihr Fleiß
hatte sich ausgezahlt.
Das dachte sie.

Aber nein,
ihr Erfolg änderte nichts
der Mann gab kein Laut
eines Lobs von sich
nur ein verachtender Blick
und ließ das Kind
im Regen stehen.

Der schwache Trost
der Mutter
konnte das traurige Kinderherz
nicht beruhigen
wie kann man auch
bittere Tränen
mit einem „du musst verstehen“ unterbinden?

Die Zeit verging
die weiterführende Schule begann
Julia ging allein.
Ihr Erzeuger blieb in der Firma
ihre Mutter war krank
mit Leichenblässe
lag sie im Bett.

Während das Mädchen
eifrig weiter lernte
verließen immer mehr
Lebenskräfte die Mutter
In den letzten Tagen
blieb der Mann daheim
im Zimmer seiner Frau.

Der Tod streckte
seine eiskalte Hand aus
und zog die Frau
mit auf eine Reise
durch die Totenwelt
taubstumm gegenüber
dem schreienden Mann.

Die letzten Worte
galten ihrer Tochter
„Verzeih mir
dich in diese Welt
geboren zu haben.“
Und ganz brav
folgte sie dem Tod.

Der Morgen war kalt
verziert mit Regen
und einem dunklen Himmel
als der Sarg
der Erde übergeben wurde
die weißen und roten Rosen
drückten die Trauer aus.

Schwärze zog in das Haus
der Vater
blind vor Trauer
ertrank im Alkohol
und tobte seinen Hass
an der für ihn Schuldige aus
für den Verlauf der beiden Elternleben.

Und Julia wurde älter
vor allem innerlich
und sie verabscheute ihren Namen
der sie mit Fröhlichkeit
zu verspotten schien
ein schlechter Scherz
den ihr das Leben spielte.

Vielleicht wäre sie
im Hass
auf sich und die Welt
versunken
wenn ein Fremder
sie nicht aus dem
Sog gezogen hätte.

Der Fremde sah sie
allein im Regen stehen
während Schüler
ins Innere flüchteten
Aber das Mädchen
dass er sah
öffnete sich dem Wasser.

Sie hob den Kopf zum Himmel
und schloss die Augen.
Der Regen wusch ihr Gesicht
und zeigte die Bläue der Wange
für einen Moment lebte sie
Die Zeit schien still
als der Fremde sie betrachtete.

In den nächsten Tagen
folgten seine Augen
dem Mädchen
und erkannte
eine verletzte
wie auch
wunderschöne Seele.

Dann zufällig
trafen sich ihre Blicke
sein Herz begann
wild zu schlagen
ihr Herz setzte
einen Schlag aus
Die Welt blieb stehen.

Seine Beine
machten sich selbstständig
schritten durch den Raum
ohne sich um die anderen zu kümmern
schließlich stand er vor ihr
atemlos wie nach einem Marathon
Er war am Ziel.

Sprachlos
sahen sie einander an
und an diesem Ort
begann ihre Geschichte
und ein Lächeln
begann aus dem Grunde
ihres Herzens zu wachsen.

Ihre Hand fand seine
und sie wollte sie
nie wieder loslassen
denn seine Wärme
ließ ihre Seele aufblühn‘
Es war die erste Sonne
in ihrem Leben.

Da war sie nun
die erste große Liebe
Sie konnte sich nicht erinnern
jemals so viel gelächelt zu haben
jemals so viel Liebe gespürt zu haben
der Himmel war zu Erde gefallen
und mit ihm ein Engel.

Und dann ihr erster Kuss
so süß, so warm
dass das Eis in ihr schmolz
so weich, so zart
dass sie in seinen Armen versank
und er hielt sie
stark und sicher.

Sein Körper war
ihr sicheren Hafen
für ihr demoliertes Schiff
dass im Sturm des Lebens
beinahe gesunken wäre
Er flickte ihre Segel
und band neue Taue.

Sie waren unzertrennlich
eine Liebe
die ewig hält
das dachten sie
Doch sie erfuhren
was nach dem
Ende eines Märchen passiert.

Würde man sie fragen
was falsch gelaufen ist
sie wüsste keine Antwort
man lebte sich auseinander
vielleicht würde sie das sagen
die Liebe der Liebenden
wich der der Freundschaft.

In Frieden
ließen sie einander los
ohne Reue
für die gemeinsame Zeit
ihr Schiff verließ den Hafen
um neue Meere und Ufer
zu befahren und zu erkunden.

Doch jetzt, wo sie wieder
öfters zu Hause war
machte sich ihr Erzeuger
schleichend bemerkbar
verbot ihr auszugehen
Geschäftsgäste zu unterhalten
Sie müsse sich ja das Leben bei ihm verdienen.

So trug sie abends
teure Kleider
hielt Smalltalk
mit Krawattenträgern
und aufgetakelten Damen
alles nur um sie zu überzeugen
was für ein guter Vater er war.

Falsches Lächeln hier
falsches Lachen dort
einen ehrwürdigen Knicks
ein schüchternes Erröten
falsche Gesichter
falsche Körper
Abende voller Lügen.

Eines Abends
trug sie ein
besonders knappes Kleid
auf ihres Erzeugers Befehl
und sah sich beim Empfang
einem attraktiven Jungen gegenüber
und er musterte sie intensiv.

Man könnte meinen
eine neue Romanze
würde beginnen
doch dieser Junge
war nicht auf Liebe aus
ein verschrieener Frauenheld
ein Herzensbrecher war er.

Doch von allem
wusste das Mädchen nichts
noch naiv von ihrer
ersten Liebe
Er bot ihr seinen Arm
geschmeichelt nahm sie an
und folgte ihm.

Sie legte ihre Hand
sanft in die seine
ein frecher Handkuss
ein Arm um ihre Hüfte
und dann wirbelte
er sie herum
ein fröhlicher Tanz.

Ein vergnügtes Lachen
im Hause ihres Vaters
es glich einem Wunder
und ihr Erzeuger
zufrieden mit sich selbst
da alles geplant war
zur eigenen Bereicherung.

Mit schönen Worten
wickelte der Junge sie ein
in ein Netz aus Lügen
blendete sie mit Gold und Silber
verschloss ihre Ohren
vor der Außenwelt
lockte sie in den Vogelkäfig.

Und der Traum zerplatzte
sie fand sich wieder
mit den Händen an
den kalten Gitterstäben
sie wollte nicht mehr bleiben
konnte aber nicht gehen
Er hielt sie gefangen.

Verlassen durfte sie ihn nicht
ihres Vaters wegen
bleiben wollte sie nicht
seinetwegen
Keine Liebe, keine Sanftheit
sie hatte zu folgen
und schön auszusehen.

Zu spät erkannte sie
seine wahre Natur
Und im dunklen Zimmer
hinterließ seine Hand
einen brennenden Abdruck
auf ihrer Wange
und auf ihrem ganzen Körper.

Und sie weinte
flehte auf Knien
bettelte, erniedrigt
wie nie zuvor
sie küsste seine
blutigen Hände
seine tretenden Füße.

Jeden Abend lag sie
zu seinen Füßen
so wie es sich gehörte
Am Morgen ließ er sie allein
und sie vergrub sich
in den Laken
in der Hoffnung sich aufzulösen.

Sie tat es nicht.
Immer öfters saß sie
vor dem Fenster
um sich Flügel zu wünschen
Weinen konnte sie nicht
denn eine Taubheit
hatte sie ergriffen.

Ihren Abschluss
schaffte sie
mit Ach und Krach
entgegen ihren
früheren Vorstellungen
Doch die versprochene
Freiheit kam nicht.

Volljährig, aus der Sicht
der Behörden
Freiwild am Strick
das Lamm auf dem Altar
Sie verlor die Welt
aus den Augen
dort in dem verschlossenen Haus.

Doch mit jedem Tag
brodelte es mehr
unter der Taubheit
Hass wie Gift
das alle Zellen befiel
sich durch sie fraß
mit jedem Tag.

Und die Stunde kam
da das verrottete Gerüst
in sich zusammenfiel
und seine Hand
ihre Wut
wie Feuer den Wasserstoff
entflammte.

Julia begann zu schreien
sie schrie und stieß
ihn von sich weg
sprang hinterher
Ihre Fäuste prasselten blind
auf ihn ein
Er war zu überrascht sich zu wehren.

Irgendwann wurde sie schwach
und blieb liegen auf seiner Brust
Ihr Kerkermeister rührte sich nicht
Vorsichtig streichelte sie ihn
bis er kalt wurde.
Sie rollte von ihm herunter
und atmete zum ersten Mal Freiheit.

Wie lang sie neben ihm lag
sie konnte es nicht sagen.
Das Licht wechselte
und ihr Körper bat um Stärkung
Zögernd erhob sie sich
und kehrte ihm den Rücken
und ließ die Vergangenheit in Flammen aufgehen.

Unwissend, doch nie wieder unschuldig
stellte sie sich der Welt entgegen
derjenige, die sie allein gelassen hatte
diejenige, die sie nun erkunden wollte
denn mit verlockender Stimme
rief das weite Meer nach ihr
und bot ihr jede Krone.

Der verspielte Wind
zerteilte ihr Haar
streichelte ihre Wangen
wie ein Liebhaber
den sie Sehnsucht
fast wahnsinnig gemacht hatte.
Die Böen hießen sie willkommen.

Ihr Romeo heilte ihre Wunden
und vernarbte ihre Seele.
Mit allem was ihr möglich war
genoss sie ihr Leben
ein volles Jahr lang
aber sie merkte
es war nicht genug.

Es war nicht genug
nach all der Zeit
Denn das Meer
mit seinem farbenfrohen Horizont
weckte Sehnsucht
den Wunsch
den Boden hinter sich zu lassen.

Das Mädchen verließ es
das Meer, das ihr Heim hätte sein können
ließ Natur und Windrauschen hinter sich
und begrüßte mit unruhigem Geist
die Großstadt, die sie hatte erwählt
mit Türmen die in den Himmel ragten
wie sie es begehrte.

Dem Himmel nahe sein
erfahren ob es einen Gott gebe
das bunte Leben sehen
ohne ein Teil davon zu sein
ein müder Schauspieler
eines Dramas
zum Zuschauer geworden.

Es war Nacht
als ihr Herz Ruhe gab
im obersten Stock
allein am offenen Fenster
wo sie die Sterne sehen konnte
blinkende Lichter, Autogeräusche
ein ärgerliches Hupen.

Ihr Herz, ach, es war so müd‘
und in Frieden wollte es gern
aufhören zu schlagen.
Ein voller Atemzug
ein Bad im Mondlicht
dann erfüllte sich ihr letzter Wunsch:
Losgebunden vom Boden, sie flog.

Das Rufen der Menschen
kündigte ihren Frieden an
Ihr Leben endete
mit einem letzten
Lächeln.
Sie starb
als eine starke Frau.

Wie einen alten Freund
begrüßte sie den Tod
umarmte ihn.
Er führte sie fort
bevor der Schmerz sie traf.
Sein Geschenk an sie
da sie ihn beeindruckt hatte.

Er konnte sie
nicht vergessen.
Von da an ging sie
immer mit ihm
seine knöcherner Hand
war nicht mehr kalt
Der Tod war nie wieder allein.

 

Erstveröffentlichung: http://www.bookrix.de/book.php?bookID=dracoe_1342638824.5500450134&trc=showbooks_textblock

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