Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Sie hält meine Hand und erzählt mir vom Wetter. Wie schön doch die Sonne scheine und es herrlich warm sei. Dass sie am Meer war, und dass es mir auch gefallen würde. Wenn ich aufwache, würde sie mich überall hinbringen, wenn ich es mir denn wünsche. Sie würde bald wiederkommen und ein paar Tulpen mitbringen. Die möge ich ja so gerne. Sie geht.

Kurz darauf kommen zwei der vier Krankenschwestern herein. Ich erkenne sie an ihren Schritten. Die eine tippelt hecktisch hin und her, die andere setzt ruhig einen Fuß nach den anderen auf, als würde sie es für ein Publikum machen. Sie sind blond. Ich weiß es nicht, aber in meiner Vorstellung sind sie blond. Ich nenne sie die Henne und das Model. Das Model geht jede Woche ins Sonnenstudio und gibt ihr Gehalt größtenteils für Kosmetikprodukte aus. Die Henne ist verrückt nach Kleidung und Schuhen. Ich mag sie beide nicht. Sie geben alles für den Schein und verrotten im Innern. Ich höre sie reden.

„Es ist wirklich eine Schande. Sie verschwendet doch bloß ihre Zeit, die ihr noch als junge Frau verbleibt. Wenn sie erst einmal alt und verdorrt ist, will sie doch keiner mehr nehmen.“ „Ja, wirklich traurig. Der Kerl wacht eh nie wieder auf, wenn du mich fragst. Man sollte endlich die Geräte abstellen. Ist doch unsinnig, diese ganze Show um diesen Typen.“ „Du sagst es. Es ist doch total armselig, wie er da liegt.“

Die Henne und das Model flüstern nur, da noch jemand anderes im Zimmer liegt. Ich weiß nicht viel von diesem Jemand. Ich höre ihn nie sprechen. Es kommt ihn auch niemand besuchen. Vielleicht ist es auch eine Sie. Aber ich höre ein Atmen. Die ganze Zeit. Es ist meine Uhr. Ich höre. Ich höre alles, auch wenn niemand es weiß.

Eine andere Krankenschwestern kommt herein. Ich nenn sie Joy. Eigentlich heißt sie Regina, aber ich finde, der Name passt nicht zu ihr. Sie ist eine Frohnatur. Sie summt jeden Tag ein anderes Lied. Sie kümmert sich um den Jemand. Er… Sie hat wirklich Glück. Sie redet mit dem Jemand wie mit einem ganz normalen Menschen. Als wäre er ein Freund. Ich weiß, dass dieser Jemand sich immer freut, wenn sie kommt. Das Atmen wird immer einen kleinen Tick schneller.

Die letzte Schwester des Vierergespanns ist Maria. Eine stille Frau, die sich aber auf ihre Art um mich kümmert, auch wenn sie es nicht muss. Wenn es stickig wird, öffnet sie das Fenster, auch wenn die Henne sich dann über die Heizkosten aufregt. Sie ändert auch jeden Tag ein wenig meine Lage, damit ich mich nicht wund liege. Dabei ist sie ganz liebevoll und scheut sich nicht mich anzufassen. Sie hat dünne Arme. Sie tut alles um es mir angenehmer zu machen. Doch ich spüre eine Traurigkeit in ihr. Irgendwo tief in ihr lauert eine tiefe Traurigkeit. Manchmal nimmt sie meine Hand und sitzt neben mir. Ich möchte dann ihre Hand drücken. ich versuche es wirklich, aber mein Körper macht nichts, was ich sage.

Mit den Tulpen ist sie wieder da. Erzählt wieder vom Wetter. Bittet mich aufzuwachen. Ich versuche ihr zu erklären, dass ich wach bin, dass irgendetwas mit meinem Körper nicht stimmt. Dann senkt sie die Stimme und sagt mir, sie hätte von den beiden hübschen Schwestern erfahren, dass die freundliche Maria gestorben ist. Und wie kaltherzig die dicke Regina wäre. Mein Besuch geht wieder.

Ich höre die Henne und das Model tuscheln. Selbstmord. Auch Joy weiß es wohl, doch behält sie ihre Fröhlichkeit bei. Ich weiß, dass es nicht respektlos gemeint ist. Das ist nun mal ihre Art es zu verarbeiten und sie möchte ihre Patienten nicht betrüben. Meine Maria ist also tot. Die Traurigkeit, die keiner wahrgenommen hatte, hat sie ertränkt. Ich wünschte, ich hätte einmal ihre Hand drücken können.

Ich höre alles. Ich sehe nichts. Aber ich bekomme alles mit.