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Ich erinnerte mich an den Tag, an dem ich starb und Gott jegliche Bedeutung verlor.
Ich hatte ihn im Club kennen gelernt, es war das erste Mal gewesen, dass ich ihn dort gesehen hatte.
Nicht Gott, nein, der Mensch hieß Ryan und hatte einen leichten amerikanischen Akzent. Er war neu in die Stadt gezogen, wohnte aber schon länger in Deutschland.
Ich hatte ihn damals angesprochen, er war wirklich attraktiv gewesen, meiner Meinung nach. Wir tanzten viel, denn unterhalten konnte man sich bei der Lautstärke nicht wirklich. Noch am selben Abend ging ich mit zu ihm und wir schliefen miteinander.
Das war nicht unbedingt etwas, was ich oft tat, was aber durchaus schon mal vorkommen konnte.
Ich hätte nie erwartet, dass er mich Tage später wieder anrufen würde. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass er meine Nummer hatte.
Aber ich war geschmeichelt und ließ mich auf ein erneutes Treffen mit ihm ein.

Zwei Monate später zogen wir zusammen. Das war ein bisschen schnell für mich, doch er zerstreute meine Bedenken. Schließlich liebten wir uns, das war alles, was zählte.
Er hatte mich in seinem Bann, riss mich mit und erhöhte die Geschwindigkeit meines Lebens.
Ein Monat später wollte er sich mit mir verloben, doch ich sagte nicht zu. Sagte, das ginge mir zu schnell.
Er sagte, er würde verstehen, doch ich merkte, dass er verärgert war. Er sagte es nicht, aber ich wusste, dass mein Nein ihn getroffen hatte.
In den folgenden Wochen schenkte er mir immer mal wieder Blumen, kochte für uns und tat mir allerlei Gefallen. Es war eine der schönsten Zeiten meines Lebens.
Zwei Monate später machte er mir erneut einen Antrag und ich gab nach.
Wir heirateten und zogen in ein kleines Haus in der Vorstadt ein.
Er wurde damals schnell eifersüchtig. Ich muss zugeben, es hatte mir auch ein wenig gefallen. Er wollte nicht, dass ich andere Männer traf. Männliche Freunde gab es seiner Ansicht nach nicht.
Auch die Arbeit sollte ich kündigen. Er wollte, dass ich glücklich wurde und das tun konnte, was ich wollte. Er würde das Geld verdienen und uns versorgen.
Natürlich gab ich meine Arbeit nicht auf und es gab viel Streit-… nein, wir haben viel diskutiert darüber.
Da war ihm das erste Mal die Hand ausgerutscht. Er war sehr aufgebracht gewesen und ich hatte ihn zu sehr gereizt. Ich hätte nicht so undankbar sein sollen.
Er entschuldigte sich danach herzzerreißend bei mir. Kaufte mir Blumen, Schokolade und küsste meine geschlagene Wange.

Ich hörte auf zu arbeiten. Es tat ihm weh, dass er mich verletzt hatte und ich wollte ihn nicht noch mehr weh tun. So war es einfacher und ich musste ja nicht unbedingt arbeiten.
Er war sehr glücklich über meine Entscheidung gewesen und sagte immer wieder, wie sehr er mich liebte.
Ich begann für ihn zu kochen, das Haus zu putzen und den Garten zu pflegen.
Manchmal hatte er schlechte Tage, da machten ihm die Kollegen oder der Chef Ärger. Dann wusste er sich manchmal nicht anders zu helfen, als seine Wut und seinen Frust an mir auszulassen. Er beschwerte sich dann über das Haus, den Garten und mein Aussehen, dass ich ja gar keine Ahnung hätte, wie es ist hart zu arbeiten und was ich denn schon den ganzen Tag täte.
Er meinte das nicht so, wie er es sagte.
Manchmal war es auch meine Schuld. Ich kochte das falsche Essen und ich war auch noch nicht so gut im Kochen. Dann musste er mir das natürlich sagen. Das war doch verständlich.

Doch an einem Tag war es besonders schlimm. Ich wusste es, als er durch die Tür trat. Er sah, wie ich am Küchenfenster dem Nachbarn winkte und etwas schien in ihm kaputt zu gehen. Er stapfte schnaufend auf mich zu, griff mir grob ins Haar, riss meinen Kopf nach hinten und und schlug mir ins Gesicht.
„Was glaubst, was du da tust?“, zischte er. „Du kleine dreckige Hure, hast du was mit ihm? Vergnügst du dich mit irgendwelchen Männern, während ich mir den Arsch aufreiße für uns? War das der Grund, warum du mich nicht heiraten wolltest?“
Ich bat ihn aufzuhören, beteuerte, dass ich ihm immer treu gewesen war. Dass ich ihn liebte.
Er schrie mich an, schlug mich erneut und je mehr Tränen, je ängstlicher ich wurde, desto wütender wurde er.
Er kaufte mir am nächsten Tag neues Make-up. Keine Blumen. Er entschuldigte sich auch nicht. Wir schwiegen uns an. Und die Stille hing wie eine Wand schwer zwischen uns.
Ich winkte dem Nachbarn nicht mehr. Ich redete auch nicht mehr mit ihm. Warum sollten wir uns weiter streiten, wenn man dem Problem auch aus dem Weg gehen konnte?
Er wartete bis die blauen Flecken verschwanden bevor er mich wieder anrührte. Aber er umarmte oder küsste mich nicht mehr so oft wie früher.
Ich gab mir alle Mühe, ihm alles recht zu machen, er sollte sich bei mir wohlfühlen.

Und an diesem einen Tag kam er mit einer Waffe nach Hause, die er erworben hatte. Stolz präsentierte er sie mir und ich muss etwas gesagt haben, das ihm nicht gefiel. Ich erinnere mich nicht mehr so gut an jenen Tag. Er verschwimmt mit allen, die darauf folgen.
Was es auch immer gewesen war, es machte ihn wütend. Er schrie mich wieder an, er schlug mich auch.
Dann warf er mich zu Boden und begann auf mich einzutreten. In die Rippen, in die Brust, in den Rücken, einmal gegen den Kopf. Ich machte mich ganz klein, doch ich konnte ihm nicht entkommen.
Dann zog er mich an meinen Haaren ins Schlafzimmer.
Ich bat ihn, mir zu vergeben. Ich bat ihn aufzuhören. Ich wolle nicht. Nicht so. Nicht auf diese Weise.
Er gab mir eine Ohrfeige und zwängte mir den Waffenlauf in den Mund. Ich erstarrte. Sein Finger lag am Abzug. Langsam, als würde er mich testen, schob er mein Kleid hoch. Ich begann zu zittern.
Aber ich weinte nicht. Ich durfte nicht weinen, es würde nur alles schlimmer machen.
Mein ganzer Körper schmerzte, ich meinte eine gebrochene Rippe zu spüren.
Das Eisen in meinem Mund war kalt und der metallische Geschmack ließ mich würgen. Aber ich musste es unterdrücken. Er drückte den Lauf tiefer und ich wimmerte leise. Und noch immer lag sein Finger am Abzug.
Und dann war er in mir. Mit jeder weiteren Minuten vergaß er mehr sich selbst und eine widerliche Angst stieg in mir auf. Mein Herz begann haltlos zu flattern, bis es unkontrolliert gegen meine Rippen schlug. Er musste die Waffe weglegen, sonst…
Er verschwand keine Gedanken mehr an mich, verfolgte nur noch sein eigenes Vergnügen, seine eigene Befriedigung.

Er würde mich töten. In diesem Moment war ich mir sicher und ich konnte nichts tun.
Dann kam er und sein Hand verkrampfte sich, er betätigte den Abzug. Ich schrie auf.
Und hörte wieder auf. Er hatte zu angefangen zu lachen und zog mir die Waffe aus dem Mund. Er hatte sie nicht geladen. Aber das nächste Mal würde er es tun. Er stand auf und ging ins Bad. Ich hörte, wie das Wasser in der Dusche auf den Boden trommelte.
Ich zitterte immernoch. Ich konnte nicht aufhören. Dann erbrach ich mich neben dem Bett.
Ich bin an diesem Tag gestorben.
Gerechtigkeit, Vergebung… Das hat alles keine Bedeutung mehr.
Nur in seiner… nur in Ryans Gegenwart existiere ich noch, gefangen in Schuld und Sühne.

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